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Alles, was ihr schon immer über Fugen wissen wolltet…

…aber euch nie zu fragen gewagt habt: Unser Architekt Rolf Könighausen vom KSRK, der gemeinsam mit seiner Kollegin Kerstin Scheffel sowohl die Planung für den Umbau und den Sanierung der Kaserne macht, als auch die Bauleitung übernommen hat, erklärt uns, warum die Fugen unserer alten Hütte eine so komplexe Sanierungsaufgabe darstellen:

„Wie bei jedem Mauerwerksbau, so haben wir auch bei der Kaserne Fugen, und zwar kilometerweit. Die waagerechten heißten Lagerfuge, die senkrechten Stoßfuge, es gibt sie in verschiedenen Breiten. Sie wurden – wie der Rest des Gebäudes – im vorletzten Jahrhundert gemauert und sind dementsprechend in die Jahre gekommen. Eine der wichtigsten Aufgaben von Fugen ist es, die Dichtigkeit des Gebäudes zu sichern. Um das Gebäude für die nächsten 135 Jahre haltbar zu machen, müssen wir uns intensiv den Fugen widmen, was eine recht komplexe Aufgabe darstellt.

Die Fugen sind, im Gegensatz zu den Steinen, die sie umfassen, nicht gebrannt, sondern werden als Mörtel feucht im Prozess des Mauerns eingebracht, um dann in der Folge auszuhärten. Im Fall der Kaserne besteht dieser Mörtel unter anderem aus Portland-Zement und den sogenannten Zuschlagsstoffen, in erster Linie Sand. Mit den Jahren und der dauerhaften Einwirkung durch das Klima – Regen, der ja bekanntlicherweise auch sauer sein kann, Temperaturen von -12° bis +40°, auf der Oberfläche noch deutlich höher – lässt die Bindekraft der verschiedenen Bestandteile des Mörtels nach, das Material wird weich und sandet aus. Die Folge ist, dass der Mörtel immer weiter ausgewaschen wird und damit die Dichtigkeit der Fassade beeinträchtigt ist.

Daher ist es notwendig, die betroffenen Stellen zu reparieren. Bedingt dadurch, dass das Gebäude Fassaden zu allen Himmelsrichtungen hat, die sogenannte Wetterseite in Hamburg aber der Süd-Westen ist, sind die Auswirkungen unterschiedlich. Dazu kommt, dass zum Zeitpunkt der Erstellung der Kaserne die Baustoffindustrie noch nicht so durchgenormt war, wie dies heute der Fall ist. Das führt dazu, dass je nach Gebäudeteil die Qualität und Verarbeitung des Mörtels unterschiedlich sein kann.

Unsere Aufgabe besteht daher aus mehreren Teilen. Zuerst einmal mussten wir feststellen, welcher Mörtel der richtige ist, um die Sanierung durchzuführen. Glücklicherweise hat die Stadt Hamburg, der das Gebäude vorher gehörte, ein Gutachten der Fassade in Auftrag gegeben, dass uns vorliegt. Wir waren dadurch über die chemische Zusammensetzung des verwendeten Mörtels sehr genau informiert. Wir haben dann in Zusammenarbeit mit Herstellern von Mörteln eine Abstimmung vorgenommen, welche der heutzutage lieferbaren Mörtel bei unserer Fassade zum Einsatz kommen können. Wichtig hierbei ist die sogenannte Festigkeitsklasse, die beim vorhandenen Fugenmörtel so gering ist, dass ein entsprechendes Produkt nicht mehr den Normen und technischen Regeln unserer Tage entsprechen kann. Wir haben uns daher für einen Trass-Kalk-Mörtel mit der Festigkeitsklasse M 5 entschieden, da dieser der Anforderung am nächsten kam.

Nachdem wir den zu verwendenden Mörtel definiert hatten, mussten wir ausprobieren, auf welche Weise wir den alten Mörtel aus den Fugen lösen können, ohne dabei die Klinker zu beschädigen. Wenn nämlich die Klinker in der sogenannten Sinterschicht – das ist die äußere, durch den Brennvorgang geschlossene Schicht – beschädigt werden, dann droht die Gefahr, dass an diesen Stellen Wasser in den Klinker eindringt, was im Frostfall zu größeren Abplatzungen führt. (Wieso? Schlag nach bei physikalischer Anomalie des Wassers oder leg eine Flasche Wasser in Dein Tiefkühlfach!) Wir haben dann verschiedene Methoden des sogenannten Ausräumens der Fugen an einer nicht so sichtbaren Stelle der Fassade ausprobiert: Flex, Multi-Master, Meißel, Schraubendreher, Taschenmesser, Schlüssel.

Dann haben wir in diesen freigeräumten Fugen Testflächen angelegt, um die beste Verarbeitungsmethode herauszufinden und einen Farbton festzulegen. Die ursprüngliche Fugenausbildung ist rückspringend, d.h. die Oberfläche der Fugen liegt ca. 1 bis 1,5 cm hinter der Vorderkante des Steins zurück. Dies war früher üblich, um eine Art Schattenbild zu bekommen und die Fugen, die hell waren, nicht so deutlich in der Fassade hervortreten zu lassen. Bauphysikalisch ist diese Lösung jedoch nicht ohne Gefahren, da dieser Rücksprung dazu führt, das – insbesondere auf der Nordseite, aber nicht nur dort – Wasser nicht vollständig abtrocknet und sich in der Folge in den Fugen Löcher und damit Ansiedlungsmöglichkeiten für Pionierpflanzen wie Moose u.ä. bilden, die wiederum die Dichtigkeit der Fassade schwächen. Wir beabsichtigen daher, den Mörtel dunkel einzufärben, damit der Schatteneffekt nachgebildet wird.

Die Testflächen helfen uns auch dabei, uns mit dem Denkmalschutzamt abzustimmen. Das erklärte Ziel des Denkmalschutzes ist es, die ursprüngliche Ansicht der Fassade wie zum Zeitpunkt der Erbauung des Gebäudes wieder herzustellen – und die Fugen sind ein wichtiger Bestandteil des Erscheinungsbildes der Fassade.

Diese Anforderung müssen wir dann noch mit den heute notwendigen technischen Ansprüchen abgleichen, schließlich müssen nicht nur die Planer*innen, sondern auch die ausführenden Firmen eine Gewährleistung für ihre Arbeiten leisten.“

Den Artikel entnehmen wir der ersten Ausgabe unsere Hauszeitung „Backstein“, die in unregelmäßiger Abfolge und ausschließlich in Papierform erscheint.

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