Kaserne_frontal

Die Geschichte der Viktoria-Kaserne

Von 1878 bis1883 ließ das Land Preußen in Altona die „Neue Caserne“ erbauen – die Anlage umschloss das heutige Gebiet von der Haubachstraße über die Eggerstedtstraße und Zeisestraße bis zur Bodenstedtstraße. In der gesamten Kasernenanlage war das 31. königlich-preußische Infanterie-Regiment, Graf Bose stationiert. Ursprünglich gruppierten sich drei Kasernenblöcke, ein Gebäude für den Speiseraum der Offiziere, mehrere Funktionsgebäude (Wäscherei, Fahrzeugschuppen) sowie die Exerzierhalle, eine Reithalle, ein Pferdestall und die Arrestanstalt um den großen Exerzierplatz herum.

Das Gebäude an der heutigen Bodenstedtstraße, Ecke Zeiseweg, in dem heute die fux eG residiert, war einst der Block III, und ist damit das letzte erhaltene der einst drei großen Kasernengebäude. Im Kaiserreich diente Block III als Unterkunft für Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere des preußischen Militärs. Während die einfachen Soldaten zumeist in Schlafsäalen für sechs bis zwanzig Männer untergebracht wurden, erhielten Unteroffiziere größere Gemeinschaftsquartiere in den östlichen und westlichen Turmbauten. Die Offiziere kamen hier in eigenständigen Wohnungen unter oder konnten in Altonaer Umgebung außerhalb der Kaserne einziehen. Im Block III befanden sich in den Kellerräumen die Speisesäale für die Mannschaften und Unteroffiziere und in den Turmflügeln weitere Räume, die für die Küche, die Heizung, die Schneidereien etcetera benutzt wurden. Im obersten Stockwerk befanden sich Trockenräume, die neben den Trockenwiesen bei der Wäscherei (heute Goldbachstraße 5) genutzt wurden.

Nach dem 1. Weltkrieg

Nach der Novemberrevolution 1918 und dem Beginn der Weimarer Republik zog das Militär aus der Kaserne ab – Altonaer und Hamburger Polizeieinheiten nutzten nun die gesamte Anlage. Von 1923 bis 1937 hatte das Polizeipräsidium Altona-Wandsbek hier seinen Sitz. Im Hauptgebäude an der damaligen Herderstraße (Block I) zogen der Polizeipräsident mit seinem Stab, die Kripo, Verwaltungspolizei, die politische Polizei, der Polizeiarzt sowie das Überfallkommando (Eingang Victoriastraße) ein. Aus der Arrestanstalt wurde das Polizeigefängnis, das benachbarte Gebäude nutzte das Altonaer Pflegeamt, welches mit jugendlichen Straftätern und deren Familien arbeitete. Die westlich davon liegenden Hallen und Fahrzeugschuppen dienten den kasernierten Polizeieinheiten der Schutzpolizei als Turn- und Exerzierhallen bzw. zur Aufbewahrung des Fuhrparks.Im Block II an der Ecke Victoriastraße / Zeisestraße war die Technische Nothilfe sowie die Preußische Ordnungspolizei (Abteilung Altona) untergebracht. Im heutigen fux-Gebäude, dem damaligen Block III kamen u.a. die Sanitätsdienststelle Altona und Polizeieinheiten unter – kasernierte Bereitschaftseinheiten, die von der Westküste Schleswig-Holsteins bis nach Altona zur Unterstützung bei Einsätzen der örtlichen Polizei angefordert werden konnten.

Nationalsozialismus und Nachkriegszeit

Im Nationalsozialismus hatte ab Mitte 1933 bis Februar 1935 kurz die Gestapo Schleswig-Holsteins ihren Sitz im Hauptgebäude an der Herderstraße (heute: Haubachstraße). Die weiter westlich gelegenen Hallen an der Herderstraße wurden 1933 als Haftstätte für politische Gefangene und 1938 als Lager für zu deportierende staatenlose Juden zweckentfremdet. Mit der Eingemeindung Altonas nach Hamburg 1937 wurde das Polizeipräsidium Altona-Wandsbek als Polizeiamt Altona in die Hierarchie der Hamburger Polizei eingegliedert.

Im Block III zog nach 1934 auch die Technische Prüf- und Lehranstaltdes Reichszollamtes ein und ließ im Zweiten Weltkrieg mit zahlreichen Umbauten Unterrichtsräume für die Ausbildung von Zöllnern errichten (heutiger Ostflügel und Anbau), wobei auch das ehemalige Offizierskasino an der Zeisestraße (heute: Zeiseweg) mitbenutzt wurde. Der ab 1952 errichtete Anbau am Ostflügel des Blocks III wurde 2010 wieder vollständig abgerissen und das Gelände der Kindertagesstätte übergeben.

Den seit 1977 einzigen noch erhaltenen Block III nutzte die Polizei Hamburg als Unterkunft und für ein zentrales Fahrzeuglager samt Werkstätten und errichtete einen neuen Garagenbau in Höhe des heutigen Sportplatzes (Abrißdatum unbekannt). Zudem diente das Gebäude dem Hamburger Zoll für seine Auszubildenden sowie ab 1984 für Labor und Büroräume der Meeresbiologie der Universität Hamburg. Wie leider üblich hieltdie städtischer Verwaltung Gebäude nicht gut in Stand und nahm Schäden billigend in Kauf. Der Sanierungsbedarf stieg auf einen Millionenbetrag an. 1986 zog die Polizei aus, es verblieb die Universität, die formal erst 2014 die letzten Lagerräume aufgab.

Vorläufige Chronologie der Gebäudenutzung

1878 – 1883 Bau der Kasernenanlage
1878 – 1918 Preußisches Militär (31. Inf.-Regiment)
1918 – 1923 Altonaer und Hamburger Polizei
1923 – 1937 Polizeipräsidium Altona-Wandsbek
1934 Umbau Block III: Einzug Technische Prüf-
 und Lehranstalt der Reichszollverwaltung
1937 – 1945 Polizeiamt Altona der Hamburger Polizei
1943 Kriegsschäden an allen Kasernenblöcken
1945 Kurzzeitige Unterkunft von Flüchtlingen und Obdachlosen (Block III)
1945 Polizeischule unter britischer Hoheit (Block I und II)
1948 Instandsetzung der Kasernenblöcke
1948 Polizeischule mit Unterkunft, Eichamt,
zolltechnische Lehr- und Prüfanstalt (Bl. III)
1951 Wohnlager Eggerstedtstraße (Block II)
1952 Erweiterungsbau für Lehr- und
Prüfanstalt (Hörsaal etc.) am Block III
1961 Wohnlager Haubachstraße, (Block I+II)
1974 Schließung des Wohnlager (Block I+II)
1977 Abriss Block I und Block II
1980er Jahre Neubauten an der Haubachstraße und der Walther-Kunze-Straße
1984 Außenlagerstätte der Universität Hamburg, Meeresbiologie
1986 Auszug der Polizei aus Block III
01.03.2010 Einzug Frappant e.V.
2010 Abriss Erweiterungsanbau der zolltechnischen Lehr- und Prüfanstalt
2011 Denkmalschutz von Block III
14.10.2013 Gründung Genossenschaft fux e.G. i.G.
2015 Ankauf des Geländes und des Gebäudes

Quellen u.a.:

Bauakten Bezirksamt Altona
Kaserne abtreten! Studien zur Weiternutzung der Viktoria-Kaserne in HH Altona. Berlin 2013, S. 29. (Masterarbeit Christopher von Mallinckrodt / Daniel Ölschläger)

Zum Verein Akens e.V.

Angestoßen von der Veranstaltung „Viktoria – Gesucht und Gefunden. Geschichte und Geschichtchen rund um die Viktoria-Kaserne“ erstellte der Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. 2011 eine Dauerausstellung zur Geschichte des gesamten ehemaligen Kasernengeländes. Auf den 32 Infotafeln wird die Zeit von 1878 bis heute dargestellt, wobei ein Schwerpunkt auf die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus gelegt wurde. Die Ausstellung ist jederzeit öffentlich zugänglich und regelmäßig finden historische Führungen um das Gelände statt. Mit dem Frappant e.V. wird bei geschichtlichen Veranstaltungen, u.a. am Tag des Offenen Denkmals, zusammengearbeitet.

Frank Omland vom AKENS e.V.

Kontakt: ausstellung(at)akens(punkt)org

Foto Kaserne: Markus Dorfmüller