Tag des offenen Denkmals in der Fux Kaserne.

„Diese Ausstellung ist eine Art Geisteraustreibung“

Seit Sonntag, dem 13. September – dem Tag des offenen Denkmals – könnt ihr im Treppenhaus die vom Ehemalige Viktoria-Kaserne e.V. präsentierte Ausstellung denkXmalvon viktoria zu fux besuchen. Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt von Kurator*innen und Künstler*innen aus der Genossenschaft – wir haben mit drei der Macher*innen ein Interview geführt: Lena Hällmayer – Illustratorin, die mit zwei Kolleginnen zusammen eine Wand gestaltet hat; Christoph Lohse – Graphikdesigner und Teil der fux Design-AG, der mit seinem Kollegen Mehmet Alatur die Ausstellung konzipiert hat; und Theo Bruns – Lektor und Verleger  –, der gemeinsam mit der Geschichts-AG der fux eG recherchiert und Texte verfasst und redigiert hat.

Fux: Lena, du hast mit Birgit Weyhe und Anne Rücker ein Wandbild zum Thema Bildung gestaltet. Was hat eine ehemalige preußische Kaserne mit Bildung zu tun?

Lena Hällmayer: Es gab hier früher die Polizeiausbildung, die Zollausbildung, es wurden Meeresbiolog*innen ausgebildet. Und hier arbeiten heute verschiedene Bildungsinstitutionen, z.B. dock europe, das Fraplab und andere.

Theo Bruns: Du hast den Bildungsbegriff jetzt positiv belegt. Den kann man ja auch unterscheiden vom Drill, der in der Kaiserzeit sowie in der Polizistenausbildung herrschte.

V.l.n.r.: Theo Bruns, Lena Hallmayer, Christoph Lohse, Mehmet Alatur bei der Pressekonferenz zu denkXmal am 11.9.2020

FUX: Was war der Anlass, über diese Treppenhausausstellung nachzudenken?

THEO: Über Frank Omland, der am Hofeingang eine Ausstellung installiert hat und sich sehr intensiv mit der Gebäudegeschichte auseinandergesetzt hat, hatten wir das Basiswissen der Ausstellung. Wir wollten ein Format erarbeiten, das sich für Rundgänge eignet und etwas komprimierter ist. Im Rahmen der Ausstellungsplanung haben wir uns als fux eG noch mal kollektiv mit der Geschichte des Hauses konfrontiert und sind auch auf Kapitel gestoßen, die bisher nicht so im Fokus standen, insbesondere in der Zeit des NS und da besonders die Polizeibataillone. Das ist eigentlich das finsterste Kapitel, mit großem Abstand. Dem haben wir uns neu zugewandt und uns Unterstützung bei Historiker*innen gesucht, die zu diesen Themenfeldern kompetent sind und dazu geforscht haben.

FUX: Welche neuen Erkenntnisse habt ihr gewonnen?

THEO: Das Kapitel Zweiter Weltkrieg wurde in der Außenausstellung nur knapp behandelt. Es ist bekannt, dass Hamburger Polizeibataillone zentrale Akteure des Holocaust im Osten waren. Allein das Reservepolizeibataillon 101 war verantwortlich für 45.000 Tote durch Deportationen in die Vernichtungslager und die direkte Ermordung von 38.000 Jüdinnen und Juden. Sie haben ihnen bei Massenerschießungen in den Nacken geschossen, das war kein anonymer industrieller Massenmord.

FUX: Waren hier in der Kaserne Leute aus diesem Reservebataillon stationiert?

THEO: Wir haben z.B. Dokumente bekommen von Herbert Diercks von der Gedenkstätte Neuengamme, denen zufolge das Polizeibataillon 101 im Dezember 1939 aus Polen zurück nach Hamburg gekommen ist und hier stationiert war. Der Dortmunder Historiker Stefan Klemp hat herausgefunden, dass das Polizeibataillon 102 im September 1939 hier aufgestellt wurde und am Überfall auf Polen beteiligt war. Die wesentliche Erkenntnis aus der Arbeit ist, dass es wenig Sinn macht, nur eine einzelne Kaserne in den Blick zu nehmen, sondern dass man den Gesamtkomplex der Kasernen in Hamburg ins Auge fassen muss. Die Viktoria-Kaserne, die Kaserne Bundesstraße und – was viele nicht wissen – auch der Sprinkenhof waren während des NS Polizeikasernen und die Polizeihundertschaften rotierten durch die Kasernen. Deswegen macht es nur Sinn, wenn man das in seiner Gesamtheit ins Auge nimmt. Zu den genannten Massenmordaktionen wurde das Reservepolizeibataillon 101 im Jahr 1942 aus der Bundestraße nach Polen geschickt. Zur Geschichte dieser Kaserne hat die Geschichtswerkstatt Eimsbüttel ein eigenes Buch publiziert, das für uns eine wichtige Inspirationsquelle war.

FUX: Das heißt, die Polizisten waren kaserniert so wie zum Teil heute die Bereitschaftspolizei?

THEO: Die Polizisten waren hier kaserniert und hatten zum Teil auch Familie im Umland oder hier in den umliegenden Straßen. Die Reservepolizeibataillone waren eine Alternative zum Wehrdienst, da haben sich viele auch deswegen zur Polizei gemeldet. Im Zweiten Weltkrieg wurden Polizisten im – wie man damals sagte – rückwärtigen Heeresgebiet eingesetzt und waren bereits seit Kriegsbeginn an Zwangsumsiedlungen, Geiselerschießungen und weiteren Kriegsverbrechen beteiligt.

FUX: Den braven Schutzmann gab es in der NS-Zeit also nicht …

THEO: Das Bild ist gänzlich unangebracht, leider. Es gibt noch ein weiteres Kapitel, das ebenfalls bislang nur gestreift wurde, welches mit prominenten Hamburger Namen verknüpft ist: Die Reit- und Exerzierhalle der Kaserne – die heute noch steht – war Sammelpunkt für die sogenannte Polenaktion im Oktober 1938, als alle Juden und Jüdinnen mit polnischer Staatsangehörigkeit, die keinen deutschen Pass hatten, an die polnische Grenze deportiert wurden. Unter ihnen war auch der Vater von Peggy Parnass, der später seine Frau nach Polen nachgeholt hat. Beide sind in Treblinka ermordet worden. Die Kaserne spielte für 24 Stunden eine sehr unrühmliche Rolle, sie war der Ausgangspunkt für diese Deportationen der Hamburger polnischstämmigen Juden und Jüdinnen an die Grenze. Peggy Parnass hat das als Kind erlebt und beschreibt es in ihren Erinnerungen. Die Eltern haben sie noch mit dem Kindertransport nach Schweden geschickt, sodass sie gerettet wurde, aber die Eltern wurden ermordet.


V.l.n.r.: Theo Bruns, Birgit Weyhe, Lena Hallmayer

FUX: Wie habt ihr diese Ausstellung konzeptioniert, was war da die Idee?

Christoph Lohse: Recherche und Konzeption liefen ein bisschen parallel. Wir hatten früh die Idee, nicht chronologisch zu erzählen, sondern Texte und Bilder für Themenfelder zu produzieren. Wir wollten die Geschichte der Kaserne erzählen aus der Perspektive der Leute, die sie nutzen. Es gibt historische Fotos und die waren interessant, aber wir hatten nicht zu allen Themen Fotos. Also haben wir uns ein wenig losgelöst von dieser Pflicht, möglichst realistisch – was auch immer das sein mag – die Geschichte abzubilden.

FUX: Sprich: Wir sehen im Treppenhaus keine Bildtafeln, die chronologisch angeordnet sind, sondern Wandbilder, die eher thematisch arbeiten.

CHRISTOPH: Wir haben geguckt, welche Themenbereiche ziehen sich durch die gesamte Nutzungsgeschichte durch. Ein Thema war die Bildung, von der Ausbildung der preußischen Soldaten bis heute. Ein anderes Thema, das sich auch immer wieder findet, ist der Bereich „Hilfe“ oder „Helfen“.

FUX: Muss ich also trotzdem noch die Broschüre zur Viktoria-Kaserne lesen, um zu verstehen, was wirklich passiert ist?

CHRISTOPH: Es gibt am Anfang einen chronologischen Abriss der wichtigsten historischen Eckpunkte. Den lese ich möglichst am Anfang oder Ende. Und dann gibt es zu diesen einzelnen Eckpunkten jeweils einen zentralen Infotext, der mit Siebdruck auf die Wand aufgebracht ist, und weitere assoziative Texte auf dem Fußboden, Zitate, die zum Nachdenken anregen sollen.

LENA: Die Ereignisse sind nicht stringent illustriert, stattdessen kann man auf verschiedenen Ebenen anknüpfen. Ich kann an einzelnen Sachen hängen bleiben, den Text dazu lesen und gucken, kriege ich damit was raus? Oder auch, was erzeugt das für Gefühle oder für Gedanken bei mir?

FUX: A propos Gefühle und Gedanken: Wir arbeiten zum Teil seit Jahren in diesem Gebäude. Wir gehen also damit um, dass diese Mauern eine gewisse Ausstrahlung haben. Wie geht es euch damit? Lena, du sitzt ja auch in so einem Raum, der früher Schlafsaal für Soldaten und Polizisten war.

LENA: Ja, ich empfinde das tatsächlich total zwiespältig. Für mich ist es auch die Bezeichnung der Kaserne. Im Sprachumgang sage ich nicht „Ich arbeite in der Kaserne“, weil es für mich total negativ belegt ist. Ich sage entweder „Ich arbeite in meinem Atelier“ oder „im fux“. Aber natürlich sitzt man in diesen Räumen. Unser Flur ist so ein breiter Flur …

FUX: … auf diesen Fluren mussten die Soldaten morgens zum Appell antreten …

LENA: Genau, und es ist nicht einfach, diese Flure umzunutzen, sodass sie gemütlich werden.

THEO: Diese Ausstellung ist für mich auch eine Art Geisteraustreibung. Die Geschichte des Gebäudes ist so bedrückend und unter Denkmalschutz-Gesichtspunkten fällt das oftmals weg, weil es dann in erster Linie um Bautypologien geht. Diese Ausstellung ist auch ein Ausdruck davon, dass wir aufarbeiten, erinnern, mahnen, aber auch mit dieser Geschichte brechen wollen. Das war ja eine sehr autoritäre Geschichte, und wir haben gesagt: Hier soll der Geist der Freiheit einziehen. Es war auch eine tolle Zusammenarbeit hier im Haus, alles ehrenamtlich, zwischen den verschiedenen Professionen und Kompetenzen, die es hier gibt: Was Geschichte angeht, was Illustration betrifft, was Konzeption von Grafik angeht und eine Musikperformance kommt noch dazu. Es war eine tolle Erfahrung, das gemeinsam zu machen. Es brauchte halt seine Zeit, und es war sehr schön.

FUX: Die Kaserne wurde in der Nachkriegszeit auch dazu genutzt, ausgebombten Familien Obdach zu geben …

THEO: Ja, 1945 waren es Kriegsflüchtlinge –  und dann wieder in den 50er- und 60er-Jahren für die sogenannten Ostvertriebenen und später auch Obdachlose. Wir haben über unsere Zeitzeug*innentreffen-Menschen kennengelernt, die in diesen Wohnlagern gelebt haben, als Kinder. Viele haben das in der Erinnerung trotzdem positiv besetzt, obwohl die Wohnverhältnisse wahnsinnig beengt waren und die hygienischen Verhältnisse eine Katastrophe. Dennoch haben sie gesagt: „Das war so toll, wir hatten so viel Kontakt unter uns Kindern.“ Aber die Außenwahrnehmung war anders. Sie wurden als Asoziale gebrandmarkt. Linke Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter haben damals die Zustände in diesem Wohnlager Eggerstedtstraße skandalisiert. Das wurde dann 1975 aufgelöst und sie bekamen dann Wohnungen in Osdorf und St. Pauli. Das war auch der Ursprung der Gemeinwesenarbeit St. Pauli, die es bis heute gibt.

FUX: Wie wünscht ihr euch, dass diese Ausstellung genutzt wird? Was stellt ihr euch vor? Was plant ihr?

CHRISTOPH: Immer, wenn die Türen des Gebäudes offen sind, ist die Ausstellung zu sehen. Sie ist kostenlos. Und wir stellen uns das so vor, dass sie einerseits bei Rundgängen durch das Haus genutzt wird und auch als Anknüpfungspunkt für inhaltliche Veranstaltungen.

LENA: Wir können mit der Ausstellung auch praktisch zeigen: Hier im Haus arbeiten verschiedene Künstlerinnen und Künstler zusammen. Wenn die Atelier- und Werkstatttüren geschlossen sind, sieht man das ja nicht.

THEO: Als die Idee einer Ausstellung entstand, hat mich die offene Treppe, die diese riesige Wand freilässt, an den mexikanischen Muralisten Diego Rivera erinnert, der im Nationalpalast die ganze mexikanische Geschichte abgebildet hat. Auch unsere Ausstellung arbeitet sehr stark mit Bildern.

LENA: Wir mussten uns absprechen. Es funktioniert nicht, dass jeder die Wand irgendwie bearbeitet, es musste etwas geben, das das zusammenhält. Wir haben vorgeschlagen, dass wir alle mit den gleichen Farben arbeiten, um die ganz unterschiedlichen Stile zusammenzuhalten: Blau, Rot und ein helles Grau. So haben alle zu verschiedenen Zeiten gearbeitet und teilweise haben wir die Sachen der anderen zwischendurch gar nicht gesehen – aber wir hatten diese eine Regel der Dreifarbigkeit. Letzte Woche habe ich mir dann die Arbeiten von den anderen angeguckt und auf einmal gesehen, dass einer noch Gelb verwendet hat. Wir hatten überhaupt nicht von Gelb gesprochen! Darf der das jetzt eigentlich? Aber es sieht total gut aus mit dem Gelb und passt gut an dieser Stelle. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

FUX: Regeln, aber dann auch wieder loslassen …

LENA: Ja. Loslassen und sich darüber freuen, was die andern machen, so anders als man selbst.

CHRISTOPH: Ich finde die Ausstellung ist ein Plädoyer für gemeinsames, solidarisches, ehrenamtliches Arbeiten. Auf einmal schafft man etwas gemeinsam, was man allein nie schaffen würde.

Das Interview führten Angela Colsman und Christoph Twickel.