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Ein Haus als Gegengewicht

Einige Gedanken zur Übernahme der ehemaligen Kaserne in Altona durch die Genossenschaft fux eG im Februar 2015

Es hat lange gedauert, aber jetzt gehört sie uns. Das wilhelminische Backstein-Ungetüm am Zeiseweg in Altona sieht einer freundlichen, kommunalen Zukunft entgegen. Lange genug hat ihre dunkle Fassade dem Stadtteil den Rücken zugewandt und gesagt: In diese Trutzburg kommt ihr nicht rein. Jetzt sind wir drin, wir bleiben und wir holen andere nach. Seit heute gehört die Ex-Kaserne der Genossenschaft fux eG.

Wir haben sie von der Stadt gekauft, um darin zu arbeiten, zu experimentieren, auszustellen und uns auszutauschen, zu feiern, zu essen, den Stadtteil einzuladen und Dinge möglich zu machen, die wegen der galoppierenden Mieten immer schwieriger in Hamburg zu realisieren sind.

168 Genossinnen und Genossen haben ihre Konten geplündert, eine Menge Geldgeberinnen und Geldgeber haben mit Förderkrediten und -mitgliedschaften dazu beigetragen, dass wir den historischen Block 3 des ehemaligen Kasernengeländes kaufen konnten. Die Geschichte dieses Kaufs ist eng verbunden mit der Recht-auf-Stadt-Bewegung in Hamburg. Sie beginnt im Jahr 2009 mitten im Kampf gegen die Ansiedlung von Ikea in Altona. Nach der Kündigung der ca. 140 Mieterinnen und Mieter des Frappant-Gebäudes in der Großen Bergstraße besetzen Anwohnerinitiativen zusammen mit dem Frappant e. V. das Gebäude Ende November 2009. Durch den öffentlichen Druck – was wird aus den Frappant-Künstlern? – sehen sich Stadt und Bezirk dazu gezwungen, eine Alternative zu schaffen und bieten dem Frappant e. V. die ehemalige Kaserne am Zeiseweg zur Zwischennutzung an.

Aus dieser Zwischennutzung wird eine Realität: Die Frappanties organisieren Ausstellungen, Sommerfeste, Flohmärkte, Vorträge, Konzerte, Kongresse und Partys und machen aus der Ex-Kaserne, die die Stadt jahrelang hat brachliegen lassen, einen lebendigen Ort und eine bezahlbare Arbeitsstätte. 2011 verhüllen Recht-auf-Stadt-Aktivistinnen und -Aktivisten das – ebenfalls seit Jahren leerstehende – Electrolux-Gebäude an der Max-Brauer-Allee. Mit der Aktion entsteht die Gruppe Lux & Konsorten: Gewerbetreibende und Selbstständige, die sich zusammengeschlossen haben, um
gemeinsam einen Ort für bezahlbare Arbeitsräume zu erobern – darunter diverse Betriebe, die im Zuge der Gentrifizierung Altonas ihre Räume verloren haben. Es folgten Veranstaltungen und Aktionen an der ehemaligen Gewürzmühle in der Gaußstraße oder an den Güterbahnhallen auf der neu beplanten »Mitte Altona«. Die Botschaft war immer: Die andere Stadt, die nicht von Investoren nach Renditegesichtspunkten gebaut wird, die fordern wir nicht nur, die wollen wir auch machen.

In mehreren Verhandlungsrunden seit 2011 haben Finanzbehörde, Kulturbehörde und die ihr angeschlossene Kreativgesellschaft sowie der Bezirk versucht, mit dem Frappant e. V. und Lux & Konsorten eine längerfristige Zwischennutzung der Ex-Kaserne zu vereinbaren. Das Modell hatte aus unserer Warte einen entscheidenden Haken:
Wir hätten ein bis anderthalb Jahrzehnte lang Miete bezahlt, um die Sanierung des Objektes zu finanzieren – und hätten dann wieder auf der Straße gesessen.

Sprich: Wir hätten die Kuh aufgepäppelt und hübsch gemacht, damit sie dann lukrativ verkauft werden kann.
Erst als man schließlich Ende 2012 auf städtischer Seite bereit war, über eine Übernahme durch den Frappant e. V. und Lux & Konsorten zu verhandeln, kam Bewegung in die Sache. Jetzt sahen wir die Möglichkeit, das Gebäude ein für alle Mal einer genossenschaftlichen Nutzung zuzuführen und damit dem Immobilienmarkt zu entziehen. Im Oktober 2013 haben Mitglieder von Lux & Konsorten und Frappant e. V. die Genossenschaft fux eG gegründet, die das Gebäude heute, am 12.2.2015 von der Stadt Hamburg gekauft hat.

Nun sind freudige Ereignisse immer ein guter Anlass, kritische Fragen zu stellen. Wir empfehlen die folgenden: Warum lassen die sich eigentlich darauf ein, für 1,85 Millionen Euro ein Gebäude zu kaufen, das nicht unerheblich schadstoffbelastet ist und in das sie noch mindestens 6 Millionen Euro reinstecken müssen, um es langfristig erhalten und nutzen zu können? Wieso machen die ehrenamtlich eine Projektentwicklung, nach der sich kommerzielle Agenturen ihre hochbezahlten Finger lecken? Wieso lassen die sich dann noch von ihren freundlichen Verhandlungspartnern
in Finanz- und Kulturbehörde erzählen, was für ein außerordentlich zuvorkommender Deal das sei, der quasi einer städtischen Förderung gleichkäme? Warum lassen die sich darauf ein, dass ihnen – als Bedingung dafür, dass sie nicht noch mit kommerziellen Investoren um das Gebäude konkurrieren mussten – eine dreißigjährige Nutzungsbindung aufgedrückt wird? Hätte die nicht einfach sagen können: Bitte sehr, liebe Stadt, dann verkauf doch das Gemäuer einfach höchstbietend an Mövenpick, Akelius, die Deutsche Annington oder eine andere Immobilienkrake!

Wir hätten. Aber wir haben – auch weil wir in den Verhandlungen an manchen Punkten hartnäckig geblieben sind – die Kröten geschluckt. Denn zum einen sind wir es leid, verdrängt zu werden. Und zum anderen gibt es schlicht und einfach keine Flächen mehr in Altona, auf denen wir ansatzweise die Chance hätten, mit unseren Mitteln ein solches Projekt zu entwickeln: Ein Haus als Gegengewicht zur fortschreitenden Kommerzialisierung des kulturellen und sozialen Lebens, ein Haus, in dem die Miete nicht das halbe Leben und in dem Kultur nicht bloß das Sahnehäubchen ist, ein Haus, das für das Viertel zugänglich ist und in dem auch Refugees willkommen sind.

Deswegen haben wir die halbe Ruine gekauft, mausern uns zu Sanierungsprofis und organisieren uns als Kollektiv. Ein Stück des Weges ist geschafft, eine Riesenaufgabe liegt noch vor uns.

Foto: Lena Jürgensen